Depressionen: Mit richtiger Vorsorge erste Anzeichen erkennen und frühzeitig behandeln
- Dr. Christian Lunow
- vor 7 Tagen
- 5 Min. Lesezeit
Depressionen zählen zu den wichtigsten gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit. Jede fünfte Frau und fast jeder siebte Mann leidet mindestens einmal im Leben unter einer Depression. Jedes Jahr erkranken Millionen Menschen in Deutschland.
Gleichzeitig gehören Depressionen zu den am meisten unterschätzten Erkrankungen. Viele Betroffene leiden monatelang oder sogar jahrelang, bevor sie eine korrekte Diagnose und Hilfe erhalten. Dabei gilt: Je früher eine Depression erkannt wird, desto besser sind die Behandlungserfolge und desto geringer das Risiko für schwere Verläufe.
Vorsorgeuntersuchungen – insbesondere umfassende Gesundheitschecks beim Hausarzt oder Fachärzten – können dabei eine entscheidende Rolle spielen. Dieser Beitrag erklärt, weshalb regelmäßige medizinische Vorsorge ein wichtiger Baustein bei der Früherkennung von Depressionen ist und welche Vorteile sie bietet.

Wie häufig sind Depressionen in der Bevölkerung?
Depressionen gehören weltweit zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. In Deutschland zeigen epidemiologische Studien: Etwa 12–20 % aller Menschen erkranken im Laufe ihres Lebens mindestens einmal an einer Depression. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Depression ist längst ein volkswirtschaftliches Problem geworden. Eine Auswertung der DAK-Gesundheit ergab, dass Depressionen bezogen auf 100 Beschäftigte 183 Fehltage verursachten. Laut dem „Gesundheitsatlas Deutschland – Depressionen“ entfielen zuletzt etwa 9,5 Mrd. € Krankheitskosten auf Depressionen. Das entspricht rund 2,2 % aller Krankheitskosten.
Was diese Zahlen nicht abbilden: das Leid, das die Erkrankung für Betroffene und Angehörige bedeutet. Depressionen stellen meist eine massive Belastung dar, die das gesamte Leben beeinflussen kann. Dabei sind Symptome anfangs manchmal gar nicht so einfach zu erkennen. Eine Depression kann plötzlich auftreten, sie kann sich aber auch schleichend entwickeln.
Symptome – was sind typische Anzeichen für eine Depression?
Es gibt typische Kernsymptome der Depression, die medizinisch klar definiert sind. Gleichzeitig kann sich eine Depression sehr unterschiedlich äußern. Das macht es mitunter schwierig zu erkennen, ob man selbst betroffen ist.
Was sind die drei Hauptsymptome einer Depression?
Die drei klassischen Hauptsymptome der Depression (gemäß medizinischer Leitlinien) lauten:
Anhaltende Niedergeschlagenheit / depressive Stimmung
Verlust von Freude und Interesse (Anhedonie)
Antriebsmangel und schnelle Erschöpfbarkeit
Hinzu kommen mindestens zwei weitere Symptome, die eine Depression diagnostisch erfassbar machen. Dazu können zählen:
Schlafstörungen
Konzentrationsstörungen
Schuld- oder Minderwertigkeitsgefühle
Grübeln
Appetitveränderungen
verminderte sexuelle Lust
körperliche Beschwerden ohne organische Ursache (z. B. Rücken-, Kopf- oder Bauchschmerzen)
Suizidgedanken
Trotz klarer Kriterien kann sich die Erkrankung bei jedem Menschen anders zeigen. Einige Menschen fühlen hauptsächlich emotionale Leere, andere leiden eher unter körperlichen Beschwerden oder starker Unruhe. Eine Depression nach einem Burnout kann anders aussehen als eine Depression nach einem Verlust oder eine biologisch bedingte Depression.
Manche Betroffene berichten kaum über Traurigkeit – sie spüren vor allem Schlafstörungen, Müdigkeit oder Schmerzen. Diese Form nennt man somatisierte Depression. Perfektionistische, leistungsorientierte Menschen überspielen Symptome oft lange („High-Functioning Depression“).
Depressionen treten häufig zusammen mit anderen psychischen Störungen auf, etwa mit Angst- oder Panikstörungen.
Zudem zeigen sich Depressionen bei Männern oft anders als bei Frauen. Häufiger erscheinen:
Wut
Aggressivität
geringe Frustrationstoleranz
verstärktes Rückzugs- oder Risikoverhalten (übermäßiger Sport, riskantes Autofahren, exzessives Arbeiten („Workaholism“), Meiden sozialer Situationen)
erhöhter Konsum von Alkohol oder anderen Substanzen
körperliche Beschwerden im Vordergrund (Kopf-, Rücken-, Muskel- und Magenbeschwerden, Erschöpfung, Schlafstörungen)
Wodurch werden Depressionen verursacht?
Depressionen entstehen nach heutigem Wissen durch ein Zusammenspiel verschiedener biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren. Genetische Veranlagung, Veränderungen im Gehirnstoffwechsel und hormonelle Störungen können die Anfälligkeit erhöhen. Psychologische Einflüsse wie anhaltender Stress, traumatische Erfahrungen, belastende Lebensereignisse oder Überforderung können eine Depression auslösen oder verstärken. Ebenso tragen soziale Faktoren wie Einsamkeit, Konflikte oder fehlende Unterstützung dazu bei.
Auch körperliche Erkrankungen können eine Rolle spielen.
Meistens wirkt nicht eine einzelne Ursache, sondern mehrere Faktoren zusammen, die das emotionale Gleichgewicht aus dem Lot bringen.
Warum wird eine Depression oft spät erkannt?
Wer über mindestens zwei Wochen mehrere dieser Symptome verspürt, sollte dringend professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Eine frühe Behandlung kann verhindern, dass sich eine depressive Episode verfestigt oder in eine chronische Depression übergeht. Leider erhalten Betroffene oftmals erst spät Hilfe. Die Gründe dafür sind vielfältig.
Depressionen zeigen sich nicht immer eindeutig und sind daher schwer zu erkennen. Viele Menschen empfinden noch immer eine hohe Hemmschwelle, einen Psychiater oder Psychologen aufzusuchen. Scham, Unwissen oder Angst vor Stigmatisierung führen dazu, dass Betroffene versuchen, die Probleme lieber „mit sich selbst auszumachen“.
Traditionelle Rollenbilder erschweren die Krankheitseinsicht zusätzlich und führen dazu, dass vor allem Männer Probleme häufig verbergen – oft mit schwereren Verläufen. Wenn in diesen Fällen doch eine Depression diagnostiziert wird, dann häufig zufällig: Betroffene suchen meist wegen körperlicher Beschwerden ärztliche Hilfe auf – ohne zu wissen, dass dahinter eine psychische Erkrankung steckt.
Die Rolle der Vorsorgeuntersuchungen bei der Früherkennung
Ist eine Depression erst einmal diagnostiziert, stehen verschiedene Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung, die Betroffenen meist sehr gut helfen können.
Regelmäßige Gesundheitschecks bieten eine gute Chance, psychische Probleme früh zu erkennen – oft schon bevor sich eine manifeste Depression entwickelt. Ein umfassender Gesundheitscheck, wie ihn die Praxisklinik für Diagnostik und Präventivmedizin Köln-Bonn-Düsseldorf anbietet, beinhaltet eine strukturierte Anamnese, in der im ausführlichen Arztgespräch Themen behandelt werden wie:
Schlafqualität
Stimmung
Stress und Stressbewältigung
Lebenssituation
Erschöpfung
psychosomatische Beschwerden
familiäre Vorbelastungen
Ein besonderer Fokus liegt auf dem Erkennen von Mustern, die auf eine beginnende depressive Störung hinweisen können – selbst wenn die Betroffenen diese nicht als psychisches Problem wahrnehmen.
Viele körperliche Erkrankungen, die bei einem kompletten Gesundheitscheck abgeklärt werden, können depressive Symptome verstärken oder auslösen. Dazu zählen:
Nebenniereninsuffizienz
Vitamin-D- oder Vitamin-B12-Mangel
Eisenmangel
entzündliche Prozesse
Durch Laboruntersuchungen, körperliche Checks oder diagnostische Tests lassen sich körperliche Ursachen erkennen und behandeln – was oft die Behandlung depressiver Beschwerden erleichtert oder möglichen Problemen vorbeugt. Depressionen lassen sich natürlich nicht allein an Laborwerten ablesen.
Neben diesen Untersuchungen bietet der Gesundheitscheck einen geschützten Rahmen, um „diffuse“ negative Gefühle oder „vage“ Symptome wie innere Leere, Überforderung oder sozialen Rückzug anzusprechen. Gerade diese Zeichen werden im Alltag häufig übersehen, bei ärztlicher Vorsorge jedoch frühzeitig eingeordnet. So kann die Diagnose gestellt werden, bevor die Depression schwer wird oder der Alltag massiv leidet.
Während reguläre Arztbesuche oft von konkreten Beschwerden dominiert sind, bieten Vorsorgeuntersuchungen den Vorteil, dass mehr Gesprächszeit vorhanden ist, um Fragen und Ängste zu thematisieren.
Therapie – Wie kann eine Depression behandelt werden?
Depressionen lassen sich in der Regel gut behandeln, häufig durch eine Kombination aus Psychotherapie, Medikamenten und unterstützenden Maßnahmen.
Psychotherapeutische Verfahren wie die kognitive Verhaltenstherapie gehören zu den wirksamsten Methoden, da sie helfen, negative Denk- und Verhaltensmuster zu verändern und wieder mehr Aktivität und Struktur in den Alltag zu bringen. Auch tiefenpsychologische oder interpersonelle Ansätze können sinnvoll sein, je nachdem, welche persönlichen Themen im Vordergrund stehen.
Bei mittelgradigen bis schweren Depressionen kommen oft Antidepressiva zum Einsatz, insbesondere SSRIs oder SNRIs. Sie beeinflussen die Botenstoffe im Gehirn, machen nicht abhängig und benötigen einige Wochen, bis ihre Wirkung einsetzt.
Ergänzend spielt der Lebensstil eine wichtige Rolle: regelmäßige körperliche Bewegung, geregelter Schlaf, ausgewogene Ernährung und soziale Unterstützung können die Stimmung deutlich verbessern.
Wird im Rahmen eines Gesundheitschecks ein Verdacht auf Depression geäußert, können Ärzte sofort entsprechende Kontakte zu Psychotherapeuten oder Psychiatern herstellen, die auf die Behandlung seelischer Erkrankungen spezialisiert sind. Zudem kann direkt weiterführende Diagnostik eingeleitet werden, um Ursachen wie hormonelle Störungen, Schilddrüsen- oder Nierenerkrankungen abzuklären und gegebenenfalls zu behandeln.
Für schwere oder therapieresistente Verläufe stehen weitere medizinische Verfahren wie transkranielle Magnetstimulation oder in spezialisierten Fällen eine Ketamintherapie zur Verfügung. Zudem gibt es zahlreiche Methoden, die die Standardbehandlung unterstützen können, etwa Lichttherapie, Wachtherapie oder Selbsthilfeangebote.
Fazit
Depressionen gehören zu den häufigsten Erkrankungen unserer Zeit – und sie werden noch immer oft spät erkannt. Vorsorgeuntersuchungen bieten die Chance, psychische Belastungen und beginnende depressive Beschwerden früh zu identifizieren und wirksam gegenzusteuern.
Die Vorteile auf einen Blick:
Erkennen erster Anzeichen, auch bei unspezifischen Symptomen
Ganzheitliche Diagnostik (Körper + Psyche)
Erfassung von Risikofaktoren
frühzeitige Therapieeinleitung
Vermeidung schwerer und chronischer Verläufe
Wer Vorsorge ernst nimmt, investiert nicht nur in seine körperliche Gesundheit – sondern auch in sein psychisches Wohlbefinden.
Sollten Sie sich in einer psychischen Krise befinden und keine Möglichkeit haben, einen Arzt aufzusuchen, finden Sie zum Beispiel bei der anonymen Telefonseelsorge rund um die Uhr Ansprechpartner.
Telefonnummern der Telefonseelsorge: 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222, www.telefonseelsorge.de
Junge Menschen unter 25 können sich auch an den Krisenchat wenden. Dabei handelt es sich um einen kostenlosen Chat, in dem geschulte Berater wie Psychologen oder Sozialpädagogen per WhatsApp oder SMS zuhören und helfen.
Weitere Krisendienste und regionale Hilfsangebote finden sich auf den Seiten der Deutschen Depressionshilfe.



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