Schlaganfall – wie lassen sich Warnzeichen erkennen?
- Dr. Christian Lunow
- 10. Nov.
- 7 Min. Lesezeit
Ein Schlaganfall kommt oft plötzlich – und verändert das Leben von Betroffenen und Angehörigen von einem Moment auf den anderen. Der Schlaganfall zählt neben Herz- und Krebserkrankungen zu den häufigsten Todesursachen. Ältere Menschen (ab 65) sind zwar am stärksten gefährdet, doch die Zahl der betroffenen jüngeren Menschen nimmt weltweit zu.
Die gute Nachricht: Viele Schlaganfälle lassen sich verhindern. Wer seine Risiken kennt und rechtzeitig handelt, kann aktiv vorbeugen. In diesem Artikel erfährst du, was ein Schlaganfall ist, welche Ursachen und Symptome typisch sind – und wie du durch bewussten Lebensstil und Vorsorge dein persönliches Risiko deutlich senken kannst.

1. Was ist ein Schlaganfall?
Ein Schlaganfall, auch Apoplex oder zerebraler Insult genannt, entsteht, wenn die Blutversorgung eines Teils des Gehirns plötzlich unterbrochen wird. Dadurch gelangen Sauerstoff und Nährstoffe nicht mehr in die betroffenen Gehirnzellen, die innerhalb weniger Minuten absterben können.
Welche 2 Arten von Schlaganfall gibt es?
Es gibt zwei Hauptformen:
1. Ischämischer Schlaganfall
Bei einem ischämischen Schlaganfall ist ein Blutgefäß im Gehirn durch ein Blutgerinnsel (Thrombus oder Embolus) verstopft. Die Folge ist eine „Minderdurchblutung“ (Ischämie). In etwa 85 % aller Fälle ist ein Verschluss einer Arterie im Gehirn die Ursache eines Schlaganfalls.
2. Hämorrhagischer Schlaganfall
Seltener ist eine Hirnblutung die Ursache eines Schlaganfalls. Dazu kommt es, wenn ein Gefäß im Gehirn platzt. Bestimmte Hirnareale werden daraufhin nicht mehr mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Das austretende Blut schädigt das umliegende Gewebe und erhöht den Druck im Schädel. Ein hämorrhagischer Schlaganfall kann zum Beispiel die Folge von Bluthochdruck oder eines Aneurysmas sein.
Beide Formen führen zu ähnlichen Symptomen – die Ursachen und Behandlungsstrategien unterscheiden sich jedoch.
Wer ist besonders gefährdet?
Mit dem Alter steigt die Häufigkeit des Schlaganfalls in der Bevölkerung (Prävalenz) kontinuierlich an – von 1,2 % (Frauen) bzw. 2,3 % (Männer) in der Altersgruppe 60–64 Jahre auf 8,3 % bzw. 9,8 % bei 90–94-Jährigen.
Während die Prävalenz bei der älteren Bevölkerung seit Jahren weitgehend stabil bleibt, scheint sie bei jüngeren Gruppen in den letzten Jahren zuzunehmen. Das geht aus einer aktuellen Auswertung von Daten hervor, die im Fachjournal „Lancet Neurology“ veröffentlicht wurde. Danach ist das Durchschnittsalter von Menschen mit Erstschlaganfällen zwischen 1993 und 2005 von 71 auf 69 Jahre gesunken, und der Anteil von Schlaganfällen bei jungen Menschen zwischen 20 und 54 Jahren an der Gesamtzahl von 13 % auf 19 % gestiegen.
Was bedeutet ein Schlaganfall für Betroffene?
Ein Schlaganfall ist ein medizinischer Notfall. Jede Minute zählt, denn je länger das Gehirn unterversorgt bleibt, desto größer sind die bleibenden Schäden. Abhängig von der betroffenen Hirnregion kann ein Schlaganfall sehr unterschiedliche Folgen haben und sogar zum Tode führen:
Lähmungen oder Schwäche auf einer Körperseite (z. B. im Arm oder Bein)
Sprach- und Sprachverständnisstörungen
Sehstörungen, oft halbseitig
Gleichgewichts- und Koordinationsprobleme
Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen
Emotionale Veränderungen oder depressive Verstimmungen
Etwa ein Drittel der Betroffenen bleibt nach einem Schlaganfall dauerhaft pflegebedürftig. Doch dank moderner Akutmedizin und Rehabilitation haben viele Menschen heute gute Chancen, sich weitgehend zu erholen – vorausgesetzt, sie erhalten schnell Hilfe.
2. Welche frühen Anzeichen und Symptome des Schlaganfalls gibt es?
Ein Schlaganfall kann sich schleichend oder abrupt bemerkbar machen. Typisch ist das plötzliche Auftreten bestimmter neurologischer Ausfälle.
Die wichtigsten Warnzeichen lassen sich mit der FAST-Regel (englisch: Face – Arm – Speech – Time) leicht merken:
F = Face (Gesicht): Hängt ein Mundwinkel herab? Kann die Person lächeln?
A = Arm (Arm): Kann die Person beide Arme gleichzeitig heben und halten? Sinkt ein Arm ab?
S = Speech (Sprache): Wirkt die Sprache verwaschen oder unverständlich? Kann die Person einfache Sätze nachsprechen?
T = Time (Zeit): Sofort den Notruf 112 wählen! Jede Minute zählt.
Es kann vorkommen, dass diese Symptome nur kurze Zeit anhalten und scheinbar von selbst wieder verschwinden. Dies sollte nicht als Entwarnung verstanden werden. Dabei kann es sich um einen „Mini-Schlaganfall“, auch TIA (transitorische ischämische Attacke), handeln. Während beim „echten“ Schlaganfall Gehirnzellen dauerhaft geschädigt werden, löst sich bei der TIA die Durchblutungsstörung rechtzeitig wieder auf, bevor bleibende Schäden entstehen.
Das heißt nicht, dass eine TIA eine Art „Fehlalarm“ ist – im Gegenteil: Sie ist häufig ein Vorbote eines schweren Schlaganfalls, der innerhalb weniger Tage oder Wochen folgt. Deshalb gilt: Eine TIA ist ein Notfall – auch wenn die Beschwerden schon wieder verschwunden sind!
Wie macht sich ein Schlaganfall im Ohr bemerkbar?
Ein Schlaganfall kann das Gehör beeinträchtigen – allerdings nicht direkt das Ohr selbst, sondern die Teile des Gehirns, die für Hören, Gleichgewicht und die Weiterleitung von Hörreizen zuständig sind.
Mögliche Folge für das Gehör ist ein plötzlicher Hörverlust (einseitig oder beidseitig). Dies kann sich anfühlen wie ein „plötzlich verstopftes Ohr“, ein Druckgefühl oder dumpfes Hören. Ein solcher plötzlicher Hörverlust (auch „Hörsturz“ genannt) wird meist durch eine Störung der Durchblutung im Innenohr verursacht.
In seltenen Fällen steckt jedoch ein kleiner Schlaganfall im Hirnstamm oder Kleinhirn dahinter – vor allem dann, wenn weitere Symptome auftreten.
Auch Beschwerden wie Schwindel oder Gleichgewichtsstörungen können durch einen Schlaganfall verursacht werden.

Wie macht sich ein Schlaganfall im Auge bemerkbar?
Auch auf die Sehleistung kann ein Schlaganfall Auswirkungen haben. Plötzliche Sehkraftverluste, Doppelbilder oder ein halbseitiger Gesichtsfeldausfall sind – neben Lähmungserscheinungen und Sprachstörungen – typische Symptome eines Schlaganfalls.
Plötzliche Sehstörungen können auch ein direkter Ausdruck einer Durchblutungsstörung im Auge oder im Sehnerv sein – also im Prinzip ein Schlaganfall des Auges. Medizinisch spricht man dabei meist von einem „Augeninfarkt“, „Retinainfarkt“ oder „zentralen retinalen Arterienverschluss (ZAV).
Er entsteht – ähnlich wie ein Schlaganfall im Gehirn – durch die plötzliche Unterbrechung der Blutversorgung der Netzhaut (Retina).
Ein solcher Augeninfarkt kann einen plötzlichen, einseitigen Sehverlust verursachen. Betroffene beschreiben es oft als „Vorhang, der herunterfällt“ oder als dunklen Schatten von oben oder unten. Auch kann es zu verschwommenem oder verzerrtem Sehen kommen.
3. Welche Ursachen und Risikofaktoren können zu einem Schlaganfall führen?
Ein Schlaganfall entsteht selten „aus heiterem Himmel“. Er zählt zu den Herz-Kreislauf-Erkrankungen und wird – ähnlich wie der Herzinfarkt – durch dieselben Risikofaktoren begünstigt, die oftmals über Jahre auf die Gefäße wirken.
Zu den wichtigsten zählen:
Bluthochdruck (Hypertonie): Der größte Risikofaktor überhaupt. Dauerhaft erhöhter Blutdruck schädigt die Gefäßwände, fördert Ablagerungen und begünstigt Gefäßverengungen oder -risse.
Herzerkrankungen: Vorhofflimmern, Herzschwäche oder Herzklappenfehler können Blutgerinnsel begünstigen, die ins Gehirn wandern und dort ein Gefäß verstopfen.
Diabetes mellitus: Zu hoher Blutzucker greift die Blutgefäße an und erhöht das Risiko für Arteriosklerose – also Gefäßverkalkung.
Erhöhte Blutfette und Arteriosklerose: Ein hoher LDL-Cholesterinspiegel fördert Ablagerungen (Plaques) in den Gefäßen. Die Gefäßwände verdicken sich in der Folge, der Raum verengt sich, der Blutstrom wird gestört. Man spricht von Gefäßverkalkung (Arteriosklerose). Die Plaques können sich lösen, und Gerinnsel entstehen, die wiederum Gefäße im Gehirn verstopfen können.
Rauchen: Nikotin verengt die Blutgefäße, schädigt ihre Innenwände und erhöht die Gerinnungsneigung des Blutes.
Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung und Übergewicht: Alle drei klassischen Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen nicht nur den Blutdruck, sondern führen auch zu Stoffwechselstörungen wie Diabetes oder Fettstoffwechselproblemen. Auch übermäßiger Alkoholkonsum spielt hier eine Rolle. Leider leiden immer mehr – auch jüngere – Menschen unter Bewegungsmangel in Verbindung mit Übergewicht. Darin dürfte ein wichtiger Grund für die Zunahme von Schlaganfällen bei Menschen unter 65 Jahren liegen.
Stress: Chronischer Stress lässt Blutdruck und Puls steigen, kann Schlafstörungen auslösen und zu ungesunden Bewältigungsstrategien wie Rauchen oder Überessen führen.
Darüber hinaus gibt es nicht beeinflussbare Faktoren wie Alter, Geschlecht und genetische Veranlagung. Männer sind bis zum 75. Lebensjahr etwas häufiger betroffen, danach steigt das Risiko bei Frauen stärker an.
4. Was tun bei Verdacht auf Schlaganfall?
Ein Schlaganfall ist ein absoluter Notfall. Auch wenn die Symptome nur leicht erscheinen oder nach kurzer Zeit verschwinden, gilt: Immer sofort den Notruf 112 wählen. Je nachdem, ob Bewusstsein, Atmung oder Puls des Betroffenen vorhanden, sind Erste-Hilfe-Maßnahmen zu leisten:
Die Person sollte richtig gelagert werden (Oberkörper erhöht, bei Bewusstlosigkeit in stabile Seitenlage)
Nie allein lassen.
Keine Nahrung oder Flüssigkeit geben! (Gefahr des Verschluckens)
Wenn keine Atmung oder kein Puls: Sofort Wiederbelebung (Herzdruckmassage) beginnen, bis der Rettungsdienst eintrifft.
Wenn der Verdacht auf Schlaganfall besteht und der Rettungsdienst 112 gerufen wird, erfolgt in der Regel die Direktaufnahme in die nächste zertifizierte Stroke Unit. Das ist eine spezialisierte Krankenhausstation, die ausschließlich für die akute Behandlung von Schlaganfallpatienten eingerichtet ist. In Deutschland gibt es aktuell über 330 zertifizierte Stroke Units (Stand 2024), die nach einheitlichen Qualitätskriterien der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) und der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe betrieben werden. Zahlreiche Studien belegen, dass die Behandlung in einer Stroke Unit die Überlebenschancen und Genesungsrate deutlich verbessert.
5. Schlaganfall vorbeugen – so schützt du dich wirksam
Zwar spielen Faktoren wie Vererbung und Lebensalter beim persönlichen Schlaganfallrisiko eine Rolle, doch die meisten Risikofaktoren sind beeinflussbar. Zu den wichtigsten Maßnahmen zählen:
Eine ausgewogene, pflanzenbetonte Ernährung schützt die Gefäße.
Regelmäßige Bewegung: Schon 30 Minuten moderate Bewegung an fünf Tagen pro Woche verbessern Blutdruck, Blutfettwerte und Blutzucker – und senken das Risiko erheblich.
Nicht rauchen: Rauchen verdoppelt das Schlaganfallrisiko.
Alkohol nur in Maßen: Hoher Alkoholkonsum erhöht Blutdruck und fördert Herzrhythmusstörungen.
Stress reduzieren.
Ausreichend schlafen: Schlafmangel und Schlafapnoe (nächtliche Atemaussetzer) erhöhen das Schlaganfallrisiko.
Was bringen Vorsorgeuntersuchungen zur Vorbeugung von Schlaganfällen?
Neben einem gesunden Lebensstil sind regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen die beste Maßnahme, um Risikofaktoren früh zu erkennen und einem Schlaganfall vorzubeugen, bevor er passiert.
Wer über Fälle von Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Familie weiß oder selbst Vorerkrankungen wie Diabetes, Herzrhythmusstörungen oder Bluthochdruck hat, sollte eng mit seinem Arzt zusammenarbeiten und zusätzliche Vorsorgeangebote erwägen.
Spezialisten der Präventivmedizin bieten eine Reihe gezielter Untersuchungen an, mit denen Herz und Gefäße unter die Lupe genommen werden können. So lässt sich nicht nur das Schlaganfall-, sondern auch das Herzinfarkt- und Arterioskleroserisiko effektiv kontrollieren und senken. Dazu zählen zum Beispiel:
Stressechokardiographie (erweitertes Belastungs-EKG)
Farbdopplersonographie der Halsschlagadern und der Beingefäße
Ultraschall der Bauchorgane und Farbdopplersonographie der Aorta
Bestimmung der Gefäßelastizität anhand der Pulswellengeschwindigkeit
Umfassende Untersuchung der Blutwerte (Herz-Kreislauf-Labor)
Zusammen mit Maßnahmen wie sportlicher Bewegung und Rauchstopp tragen gezielte Vorsorgeuntersuchungen dazu bei, dass – nach Schätzung von Expert:innen der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) – etwa 70 bis 80 % aller Schlaganfälle vermeidbar wären.
Fazit
Ein Schlaganfall ist eine der häufigsten und folgenreichsten Erkrankungen in den westlichen Industrienationen – und dennoch in vielen Fällen vermeidbar. Er entsteht, wenn die Blutversorgung im Gehirn plötzlich unterbrochen wird, sei es durch ein verstopftes oder ein geplatztes Gefäß. Die Folgen sind oft dramatisch: Lähmungen, Sprachstörungen, Sehverlust oder bleibende Behinderungen können innerhalb von Minuten eintreten. Doch genau deshalb zählt beim Schlaganfall jede Minute – und im besten Fall jede vorbeugende Entscheidung davor.
Das Risiko für einen Schlaganfall steigt mit dem Alter, doch er ist keine reine Alterskrankheit. Zunehmend sind auch jüngere Menschen betroffen. Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung, Übergewicht, Stress, Bluthochdruck und Rauchen sind die häufigsten Ursachen – und sie sind fast alle beeinflussbar.
Auch scheinbar harmlose Symptome, die rasch wieder verschwinden – wie bei einer TIA („Mini-Schlaganfall“) –, sind ein ernstes Alarmsignal und verlangen sofortige ärztliche Abklärung. Ebenso sollte ein plötzlicher Hörverlust oder einseitiger Sehverlust nicht unterschätzt werden, denn auch das kann Ausdruck einer Durchblutungsstörung des Gehirns oder der Netzhaut sein.
Die gute Nachricht: Wer seine Risikofaktoren kennt und konsequent gegensteuert, kann aktiv etwas tun. Eine gesunde, pflanzenbetonte Ernährung, regelmäßige Bewegung, Rauchverzicht, moderater Alkoholkonsum, ausreichend Schlaf und Stressabbau gehören zu den wirksamsten Schutzmaßnahmen. Ergänzend dazu sind regelmäßige ärztliche Vorsorgeuntersuchungen entscheidend – insbesondere Blutdruck-, Blutzucker- und Cholesterinkontrollen sowie Herz- und Gefäßdiagnostik. Durch diese Kombination aus Lebensstil und Medizin kann das individuelle Risiko massiv reduziert werden.




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